....weil wir einander brauchen! - Nehemia 3,38

...weil wir einander brauchen!!!

  1. Nehemia - Vom Mundschenk zum Statthalter und Baumeis­ter von Jerusalem

Den Planern der diesjährigen Allianz-Gebetswoche haben wir es zu verdanken, dass wir uns in eine andere Zeit hinein versetzen müssen. Wir schreiben das Jahr 445 v. Chr. Die Zerstörung Jeru­salems und die De­portation eines großen Teils der jüdi­schen Bevölkerung in die Babylonische Gefangenschaft liegen ca. 150 Jahre zurück. In­zwischen sind die ersten Juden aus der Gefangenschaft nach Jerusa­lem zu­rück gekehrt, le­ben aber unter sehr schwierigen Bedingun­gen. Die Stadtmauer ist zerstört und die Stadttore sind alle ver­brannt. So bietet die Stadt eine gute Gele­genheit für den ein oder anderen kriegerischen Raubzug durch die Volksstämme der Ammo­niter und Araber. Als diese schlechten Nachrichten Nehemia, den jüdischen Mund­schenk am Hof des Königs zu Babylon erreichen, erwirkt er, dass er seinen Landsleute in der Heimat zu Hil­fe kommen darf. Gera­de einmal drei Tage im Lande ergreift er dann sofort die Initiative und untersucht den Zustand der Stadtmauer. „Kommt, lasst uns die Mauern Jerusalems wieder auf­bauen, damit wir nicht weiter ein Gespött seien.“ (2,17) Einiges Baumaterial hatte ihm der Perserkönig Artaxer­xes erlaubt mitzunehmen und so können die Arbeit sehr zügig beginnen. Natürlich immer unter den kriti­schen und zornigen Augen der unfreundlich gesinnten Stammesführer, die sich entrüs­teten und sich über die Juden lustig machten. „Lass sie nur bauen; wenn ein Fuchs auf ihre steinerne Mauer hinauf springt, reißt er sie ein.“ (3,35) doch alle die­se ab­fälligen Kommentare führen in die Fest­stellung des Ne­hemias: „Aber wir bauten die Mauer und schlossen sie bis zur halben Höhe. Und das Volk gewann neuen Mut zu arbei­ten.“(Nehemia 3,38). Die im Mittelpunkt meiner heutigen Predigt stehen wird.

  1. Zu einer Mammutaufgabe gehören viele helfende Hände

Der Wiederaufbau der Stadtmauer ist eine richtige Mammutaufgabe. Wenn ich das richtig sehe, dann haben in jüngster Ver­gangenheit die Schwestern und Brüder der Freien Chris­tengemeinde diese Erfah­rung beson­ders intensiv gemacht. Sie hatten sich die Mammutaufga­be vorgenommen ein neues Gemein­dezentrum zu bauen und – haben es ja auch mit Bravour geschafft. Bei meinen Fahrten in die Stadt konnte ich das hin und wieder gut beob­achten, wie viele helfende Hände da zugepackt haben. Ohne die hel­fenden Hände wohl fast aller Gemeindeglie­der, die mehrere Tau­send freiwillige Arbeitsstunden erbracht haben, wäre diese Mammut­aufgabe wahrscheinlich nicht zu bewältigen gewe­sen. Klar, die Freie Christengemeinde wollte keine neue Stadt­mauer um Leer bauen. Aber immerhin, das Gemeinde­zentrum, dass dort nun zu sehen ist, ist ja nicht von schlechten El­tern. Auch andere Gemeinden und Werke machen immer wieder die Erfah­rung, wie größe­re und kleinere Aufgaben gemeistert werden. Sei es beim Hausbau, der Renovierung von Gemeindehäusern oder beim Pflastern des Park­platzes. Viele Hände – wenig Arbeit! Vielleicht gibt es in unseren Gemeinden und Werken ja sogar Erfahrung mit dem Setzen einer Natursteinmauer wie der, die in Je­rusalem als Stadt­mauer wieder aufgebaut wurde. Diese Menschen wissen, das ist ein mühsames Geschäft. Nicht jeder Stein passt zum anderen. Jeder Stein muss einzeln geprüft werden, ob er genau da hin passt wo er hin soll. Die Bauleute müs­sen Hand in Hand arbeiten, sonst klappt da gar nichts und die Mauer kippt beim nächsten großen Regen wieder um.

Qualität braucht die funktionierende Zusammenarbeit! Nehemia ist zufrieden: „Aber wir bauten die Mauer und schlossen sie bis zur halb­en Höhe.“ Darf ich einmal fra­gen wie weit die Arbeiten der Evan­gelischen Alli­anz gediehen sind? Werden die Arbeiten nur einmal im Jahr aufgenommen, wenn der Termin der Gebetswo­che näher rückt oder gibt es auch sonst das gemeinsame An­packen? Nun, nicht unbedingt beim Hausbau, obwohl auch da kann Zusammen­arbeit über die Gemeindegrenzen hinweg schon hilfreich sein. Ich meine eher ein gemeinsa­mes Projekt, das Evangelium von Jesus Christus in die Öffentlichkeit zu bringen. Ich bin überzeugt davon, dass durch ein intensivere Zusammenarbeit der Gemeinden und Werke die Qualität des Auftritts von uns Christen in der Öffentlichkeit deutlich ge­steigert wird. Wo ist die Baustelle, in unserem Ort wo die hel­fenden Hände gebraucht werden und es zu einer großen, gemeinsamen Aktion kommen kann? Kann das vielleicht Pro Christ 2013 sein? Am Beispiel „Pro Christ“ entdecken verschiedene Gemeinden oft, dass sie einander brauchen.

  1. Schwierigkeiten schweißen zusammen

Sanballat, Tobija und Geschem, so die Namen der Stam­mesführer, die bei den Bauarbeiten in Jerusalem im­mer wieder mit ihren Plün­derungen für Angst und Schrecken unter der Jerusalemer Bevölke­rung sorgen und ihren Hohn und Spott über sie ausgießen. Doch Ne­hemia und seine Leute führt das nicht in Resignation. Nein, sie bau­en weiter und haben schon die Hälfte geschafft.

Na ja, man gerade die Hälfte! Was ist das schon? Noch ist die Mauer nicht fertig und da kann noch viel ge­schehen. Warten wir's mal ab. Kennen wir diese Einreden nicht auch? Von uns selbst oder von an­deren. „Das wird doch sowieso nichts!“ „Das kriegen wir nie auf die Beine, dafür sind wir viel zu wenig!“ „Wir haben doch mit den alltägli­chen Dingen des Lebens schon viel zu viel zu tun.“ „Das ist ein viel zu großes Risiko!“ Ich entdecke in so mancher Gemeinde und Grup­pierung die Scheu etwas für Gott zu wagen, z.B. neue Wege zu den Menschen zu gehen, die um uns und mit uns leben und vom Evan­gelium noch gar nichts, aber auch wirklich gar nichts begriffen haben. Leben wir als christliche Gemeinden von unseren Einreden oder vom Empfangen des Geschenkes durch unseren Herrn, der uns seinen Heiligen Geist und sein heiliges Wort gegeben hat, damit wir glaubwürdige Zeugen seiner Liebe in dieser Welt sind? Bei einem Bibelseminar für Erwachsene zum Thema „Attrak­tives Christ­sein heute“ stellte der Referent am Anfang Fol­gendes klar: „Die Tatsa­che, ob unser Christsein attraktiv ist merken wir daran, ob wir mit anderen gerne über unseren Glauben reden wollen.“ Ich buchstabiere das einmal weiter für die Gemeinde: „Ob unsere Gemeinde attraktiv ist mer­ken wir daran, ob wir gerne mit unserer Botschaft in die Öffent­lichkeit gehen.“ Ist ihre Gemeinde attraktiv? Ist ihre Geminschaft attraktiv?

Übrigens, nicht das hier der Eindruck entsteht Nehemia würde sich mit halben Sachen zufrieden geben, weil ja die Mauer inzwischen die Hälfte der Höhe erreicht hat. Nein, ganz und gar nicht. Die Mauer wird schon richtig fertig. Auch wir sollen uns nicht mit halben Sachen zufrieden geben. Genauso wie ein halber Christ ein ganzer Unsinn ist, ist natürlich eine Aktion in der Öffentlichkeit, die nur mit halbem Herzen getan wird ein ganzer Flop. Es geht immer nur mit ganzem Einsatz, weil es um das Ganze geht.

Aber - manchmal ist es einfach auch gut, zwischendurch einmal inne zu halten und zu se­hen, das die Hälfte schon geschafft ist. Die Hälfte der Spendengelder schon eingegangen ist. Die Hälfte der benötigend Mitar­beiter gefun­den ist. Die Hälfte der Wegstrecke bis zum Ziel schon zurück gelegt ist.

Inne halten und danken für das bisher Erreichte, das macht Mut für die weiteren Schritte.

  1. Erkennungszeichen: Dienen und Beten

Ich bin mir sicher. Die Bauleute des Nehemia sind bei ih­rem Arbeiten ganz schön ins Schwitzen gekommen. Die Temperaturen im Sommer haben dazu beigetragen, aber auch ganz bestimmt die Komplexität eines sol­chen Mauerbaus. Die gemeinsame Arbeit hat sie zusammen ge­schweißt und täglich lernen sie sich am Mauerprojekt verstehen und schätzen. Das fehlt uns. Wir schwitzen kaum noch selbst, höchsten vielleicht auf dem Crosstrainer in Fittnessstu­dio oder beim Rasenmähen im Garten. Schwitzen wir noch, um gemein­sam Gemeinde Jesu zu bauen oder wollen wir auch das per Fernbedienung oder Mausklick aus dem Fern­sehsessel heraus erledigen? Stehen wir neben­einander, bei allen Unterschieden der Gemeindezugehörig­keit, wenn es um das Weitersagen der Guten Nachricht von Jesus Christus geht? Viele haben es doch im Lauf ihres Lebens immer wieder festgestellt: Gemeinsame Gebete und Dienste lassen zusammenwachsen. Hier liegt dann das Geheimnis der Frucht und hier liegt auch die Chance der Zusammenarbeit.

Diese Zusammenarbeit ist mehr als nötig. Die Welt, die Menschen um uns herum brauchen nicht die gegen­seitige theologische Abgren­zung der christlichen Gemeinden und Werke. Sie braucht die Einheit der Chris­ten. „Damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast,“ betet Jesus im ho­henpriesterlichen Gebet in Jo­hannes 17, 21. Es ist an der Zeit, unseren Glauben attraktiver und offensiver, über alle Gemeindegren­zen hinweg, zu vertreten und zu leben. Ich bin mir sicher, unser Herr wird uns dazu seinen Segen und die Ermu­tigung geben, die wir ge­meinsam brauchen.

Das zu entdecken macht unendlich viel Mut: Ja, wir ha­ben einander gebraucht! Nicht das Resignieren über die Zerstrittenheit der Christenheit oder über die verloren gegangenen Werte soll unser Er­kennungszeichen sein. Sondern das gemeinsame Die­nen und Beten.

Ich möchte mit einer kleinen Geschichte schlie­ßen. Es war 1989 auf dem Kirchentag in Berlin. Wir vom CVJM be­teiligten uns an den Missionari­schen Diensten. Ein Gruppe von ca. 7 jungen Leute gestalteten, mit mir einen gemeinsam, einen missionarischen Ein­satz in der Fuß­gängerzone von Berlin-Wilmerdsorf. Wir führten ein An­spiel vor, sangen zwei Songs, ich hielt eine Kurzansparache und suchten dann anschließend ganz offensiv das Gespräch mit den Passanten. An einem Nachmittag hatte ich ein sehr langes Gespräch mit einem jungen Mann. Ich erinnere mich, es war ein sehr intensives Ge­spräch. Als es dann beendet war und ich mich, vom langen Ste­hen wirklich müde, auf eine Bank setzte entdeckte ich neben mir eine junge Frau, von der ich schon während des Ge­sprächs so aus dem Augenwinkel heraus den Eindruck hatte, dass sie irgendwie Anteil an meinem Gespräch nahm. Ich fragte sie: „Und - was hältst du von der Sache mit dem Glauben?“ Sie antwortete: „Eine ganze Menge ich bin auch Christ und gehöre zu einer Freien Gemeinde. Ich habe die ganze Zeit für dich gebetet, dass du die richtigen Worte für diesen Menschen findest.“

Ich war tief bewegt und seit dem ist mir klar: Das gemeinsame Dienen und Beten ist über alle Gemeindegrenzen hinweg unser Erkennungszeichen in dieser Welt. Amen


Autor: Burkhard Hesse

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