Durch den Glauben stoßen wir an Grenzen (Hebr. 11, 17-19)

„Der christliche Glaube ist vielerorts zu einer Wohlfühl-Kultur verkümmert. Es wächst die Sehnsucht nach einer Wellness-Spiritualität, die dem Bedürfnis nach Ruhe und Entspannung entgegenkommt. Man wünscht sich ein softes Evangelium ohne harte Ecken und Kanten. Einen schmiegsamen „Kuschel-Gott“. Wie Schmusewolle“. Das beklagt der luth. Landessuperintendent Burghard Krause in einem Artikel in der Ev. Zeitung. Damit, nämlich mit Schmusewolle, kann ich ihnen heute Abend, liebe Allianz-Gemeinde hier in Leer, auch nicht dienen. Die Verantwortlichen für die Gebetswoche haben uns für den heutigen Abend keine Schmusewolle verordnet, sondern uns eher ein „dickes Brett“ zum Bohren anvertraut, sie werden es sofort merken, wenn ich ihnen jetzt den Text vorlese, der meiner Predigt zu Grunde liegt.

Es sind die Verse 17-19 aus dem 11. Kapitel des Briefes an die Hebräer:
17 In solchem Vertrauen brachte Abraham, als Gott ihn auf die Probe stellte, seinen Sohn Isaak zum Opfer. Er war bereit, Gott seinen einzigen Sohn zu geben, obwohl ihm Gott doch die Zusage gemacht
18 und gesagt hatte: »Durch Isaak wirst du Nachkommen haben.«
19 Denn Abraham rechnete fest damit, dass Gott auch Tote zum Leben erwecken kann. Darum bekam er auch seinen Sohn lebendig zurück - als bildhaften Hinweis auf die künftige Auferweckung.

I. Ein Beispiel des Glaubens
Ja, die alte Geschichte von der Opferung des Isaak. Ein wirklich „dickes Brett“ und es gibt nicht wenige, die würden diese Geschichte aus dem Buch Genesis gerne für unseren Glauben als Christen für irrelevant, also für unnötig, erklären. Nicht so der Verfasser des Hebräerbriefes, er hat sie gleichsam in seinen Unterrichtsplan für die jungen Gemeinden aufgenommen, um ihnen Abraham als besonderes Beispiel des Glaubens vor Augen zu führen. Aber - wie soll man das einem modernen Menschen von heute denn noch erklären, dass da jemand seinen Sohn auf dem Brandaltar opfern will und damit auch noch meint, Gott gegenüber gehorsam zu sein? Mal ehrlich, haben nicht auch sie auf diese Geschichte schon verständnislos reagiert, tun es vielleicht auch heute noch und haben sie deshalb aus der Rangliste ihrer Lieblingsbibelstellen längst gestrichen? Und es ist wohl auch so, wie es der Journalist und Theologe H. Zahrnt ausgedrückt hat: „Wer auf diese Geschichte nicht empört reagiert, sondern von vornherein Ja und Amen zu ihr sagt, hat ihren furchtbaren Ernst nicht erkannt.“ Mich erinnert die Geschichte von Isaaks Opferung drastisch daran, dass Gottes Wille – trotz allen Offenbarens – sich immer wieder auch verbirgt und nicht immer, ja vielleicht sogar eher selten, ganz offen auf der Hand liegt.
Der Verfasser des Herbräerbriefes hat im 1. Vers des 11. Kapitels beschrieben was für ihn Glaube ist. „Glauben heißt Vertrauen, und im Vertrauen bezeugt sich die Wirklichkeit dessen worauf wir hoffen. Das, was wir jetzt noch nicht sehen: im Vertrauen beweist es sich selbst.“ An Gott glauben heißt, auf einen vertrauen, dessen Gesicht man nie gesehen, dessen Stimme man nie gehört hat und dessen Existenz man dennoch gewiss ist, manchmal mehr als einer eigenen. Darum geht es ihm, dem unbekannte Briefschreiber, wenn er uns diese schwierige Geschichte als Beispiel des Glaubens vorstellt. Als Beispiel dafür, dass ein Mensch an Grenzen stößt, auch an die Grenze seiner Zuversicht und seines Glaubens aber trotzdem nicht los lässt.


II. An Grenzen stoßen und trotzdem nicht los lassen
Ich bin mir sicher, jede und jeder von uns hat in seinem Leben schon Grenzerfahrungen gemacht. Erfahrungen, die ihn an die Grenze des Lebens, die Grenze der Machbarkeit, die Grenze des Erträglichen, die Grenze des Wachstums, die Grenze der Erziehung, die Grenze der Liebe, die Grenze der Gesundheit, die Grenzendes Sich-Einsetzens usw. usw. geführt haben. In solchen Grenzsituation stellen wir uns schnell die Frage: Was ist das für ein Gott, der mich dies alles erleben, erfahren und erleiden lässt? Das Angesicht Gottes scheint sich verdunkelt zu haben. Steht Gott nicht mehr zu seinen Verheißungen? Habe ich mich in Gott getäuscht? Fragen, die sich sicherlich auch Abraham gestellt hat.
Hat er mich betrogen, gar verführt? So können auch gläubige Menschen fragen, die sich unversehens in tiefen Lebenskrisen wiederfinden. Gerade wenn wir ihn am nötigsten hätten, wird er zuweilen fremd und unberechenbar. Nicht nur die Krise führt uns an unsere Grenzen, Gott selbst tut es. Aber er überfordert uns nicht. In diesen Grenzsituationen lernen wir es, Gott auch in scheinbar ausweglosen Situationen zu vertrauen und an seine Möglichkeiten zu glauben. Unsere Grenzen sind Gottes Möglichkeiten.

III. Die Möglichkeiten Gottes
Was sind aber die Möglichkeiten Gottes? Einst warb eine japanische Automarke mit dem Slogan: „Nichts ist unmöglich ….....“ Ist bei Gott auch alles möglich? Die Jahreslosung für das neue Jahr spricht dieses Thema auch an. „Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich." (Lukas 18,27) Was sind seine Möglichkeiten? Ich bin mir sicher, bei ihm ist wirklich nichts unmöglich. Ich möchte aber drei Möglichkeiten Gottes heraus greifen, die ich für elementar halte.

1. Gott versöhnt dich mit sich.
Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. (2. Kor. 5,19) Gott fordert kein Menschenleben von uns. Im Gegenteil, er opfert seinen Sohn, damit wir leben können. Seine unendlich große Möglichkeit ist die Versöhnung. Obwohl wir nichts von ihm wissen wollen, streckt er immer wieder die Hand aus und lädt uns ein in seine Gemeinschaft; dies ist nur durch den Kreuzestod Jesu möglich geworden, „denn so sehr hat Gott die Welt geliebt.“ (Joh. 3,16) Trotzdem wir Gott für Tod erklären ließen, hielt er es nicht mehr aus und lief uns in Jesus entgegen und durch diese Versöhnung hat unser Leben eine neue Qualität bekommen, die sich als tragfähig erweist. Gott schaut mich gnädig an und ich kann zu ihm kommen so wie ich bin- aber er lässt mich nicht so wie ich bin. Durch diese Versöhnungstat hat Gott das Qualitätsmanagment in meinem Leben übernommen und das ist die Grundvoraussetzung dafür, den Grenzsituationen des Lebens stand zu halten. So kann ich mich zu Gott stellen und ihn deshalb auch in Grenzsituationen finden. Bitte, dass heißt natürlich nicht, dass es für uns Christen keine Situationen gibt, die uns von den Füßen wirft oder uns in ein tiefes Loch fallen läßt. Meine Erfahrung und Beobachtung aber ist es, dass sich der nicht mit Gott versöhnte Mensch ausschließlich vom augenblicklichen Eindruck des Lebens bestimmen lässt, er blickt auf das, was vor Augen liegt und schaut daher an Gott vorbei. Der Glaube hingegen lässt sich nicht durch den sichtbaren Eindruck beirren, sondern hält an Gottes Verheißung fest und richtet seinen Blick daher in die Zukunft, aber nicht aus Sorge wie der Unglaube, sondern in Hoffnung, weil er Gottes Möglichkeit der Versöhnung immer wieder neu geschenkt bekommt.

2. Gott hört dein Gebet.
„Wenn die Last der Welt dir zu schaffen macht, hört er dein Gebet.Wenn du kraftlos bist und verzweifelt weinst, hört er dein Gebet.Wenn du ängstlich bist und dich selbst verneinst, hört er dein Gebet. Er versteht, was sein Kind bewegt, Gott hört dein Gebet.“ Mark Heard (engl), C. Zehendner (deutsch)
Unendlich viele Komponisten und Texter von christlichen Liedern haben diese elementare Erfahrung in Grenzsituationen beschrieben. Egal ob es Paul Gerhardt, Jochen Klepper, Dietrich Bonhoeffer oder Manfred Siebald, um nur wenige zu nennen, war. Ihnen allen ist es gemein, dass sie die fantastische Möglichkeit des Gebetes kennen, weil sie wissen: Gott hört mein Gebet. Wenn wir dann die Grenzen des Lebens erleben und erleiden, dann wissen wir, hier geht es dann nicht um wohl formulierten Worte. Manchmal können wir nur schweigen, manchmal auch klagen und unser Leid heraus schreien und es unserem Herrn vor die Füße schmeißen. Wir dürfen wissen: Wir haben einen Herrn, wo wir unsere Lasten loswerden können. Da geschehen dann auch nicht immer Wunder, trotzdem steht dann da manchmal auch die Erfahrung unseres Scheiterns, unseres Versagens, unserer Endlichkeit. Und auch Christen können an den Punkt kommen wo sie fassungslos und erschüttert sind und einfach nur sagen können: „Dein Wille geschehe.“ Daraus erwächst dann aber nicht selten, manchmal auch erst im Nachhinein, die Erfahrung: Gott hat dir die Kraft gegeben dieser Situation gewachsen gewesen zu sein. Oder, um in dem bekannten Bild von den „Spuren im Sand“ zu bleiben, als nur eine Fußspur im Sand zu sehen war, da hat Gott mich getragen, hindurch getragen.

3. Gott gibt dir die Perspektive der Ewigkeit

Christen sind Menschen mit Ewigkeitsblick. Das bedeutet aber nicht, dass für sie das zeitliche Leben bedeutungslos sei. Im Sinne der Bibel ist Leben ein entscheidender Wert und das Leben, kann nun einmal nur hier und jetzt gelebt werden. Das bedeutet aber auch, dass die Ewigkeit für uns Christen hier und jetzt beginnt, das ist eine Konsequenz daraus, dass wir als Menschen Ebenbilder Gottes sind. Die Ewigkeit als eine reale Größe des Lebens zu akzeptieren heißt auch, unser zeitliches Leben auf eine ewige Grundlage zu stellen. Wer das erlebt, der stellt fest, dass erst dadurch sein Leben auf die Füße gestellt worden ist. Von Menschen, die ein wenig langsam sind sagt man doch auch: „Der kommt nicht so recht in die Füße“, d.h. der kriegt keinen Schwung in sein Leben. Durch die Möglichkeit Gottes die Perspektive der Ewigkeit in unser Leben gepflanzt zu kommen, kommen wir richtig in die Füße, aber auch auf die Füße, weil wir wissen dürfen, wir werden nicht von unserer Nützlichkeit, Tauglichkeit oder Wirtschaftlichkeit her bestimmt, sondern davon, dass wir Jesus und sein Wort haben. Das befreit von allem Druck, den wir uns selbst machen oder den auch andere auf uns ausüben. Das befreit davor, in den Grenzsituationen des Lebens an der Endlichkeit zu verzagen und zu scheitern, weil es eben doch nicht so geworden ist, wie wir uns den Verlauf der Krankheit, den Erfolg der Prüfung, den Ausgang der Bewerbung, die Bewältigung des familiären Konfliktes usw. usw. vorgestellt haben .
Wir dürfen wissen, es ist nicht alles vorbei, wenn dieses Leben hier nicht auf geraden und einfachen Linien verläuft. Nichts kann uns von der Liebe Gottes trennen. Gott hält die Möglichkeit die Ewigkeit zu erfahren schon hier und jetzt bereit. Wir erfahren sie in diesem Leben oder nie!

Ich möchte ihnen Mut machen, in den Grenzsituationen des Lebens, Gott zu vertrauen und wie Abraham, an seine Möglichkeiten zu glauben.


Autor: Burkhard Hesse, Allianz Leer, Predigt vom 15.01.2009

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