Ansprache zur Abschlussveranstaltung der 75-Jahr-Feier am 6.9.09 in Leer

Stark im Leben:

Stolz wie Oskar war ich als zehnjähriger Knirps auf den neuen Papierdrachen, einem Sechseckdrachen, den mein älterer Bruder mir gebaut hatte. Ein wirklich besonderes Exemplar. So einen Drachen hatte keiner in meiner Straße. Als wir ihn zum Stoppelfeld trugen hatte ich so meine Not, denn der Drachen war mit einem Durchmesser von 1,10 m nur wenig kleiner als ich.
Dann sollte der große Moment kommen, er sollte fliegen, steigen lassen, wie wir im Sauerland dazu sagten. Mein Bruder hielt ihn hoch und ich stand in 20 m Entfernung bereit, mit der Schnurrolle in der Hand, um los zu laufen. An diesem herbstlichen Nachmittag blies eine ziemlich steife Brise. Dann war der Drachen fast oben und ich merkte schon: Meine Güte, der Zug wird immer stärker, ich musste eine gehörige Portion Kraft aufwenden, damit ich ihn überhaupt festhalten konnte. Immer mehr musste ich mich anstrengen und langsam merkte ich: „Das schaffst du nicht, dafür bist du nicht stark genug“. In letzter Sekunde, mir ging schon die Kraft aus, war mein großer Bruder neben mir und nahm die Schnurrolle. Das war die Rettung für meinen Drachen und für mich! Ich war nicht stark genug. Das hat mich dieses Geschenk doch mit anderen Augen anschauen lassen.

Wisst ihr, liebe Geschwister aus dem CVJM, genauso wie ich als zehnjähriger Junge damals war, so kommen mir heute viele Christen vor. Sie lassen das, was sie Glauben nennen steigen. Haben sehr schnell ein Bekenntnis auf den Lippen, wissen was richtig und was falsch ist. Sind natürlich total engagiert und bei jeder Aktion dabei. Organisieren mal eben einen Jugendtag, schmeißen die Sommerfreizeit, den Martiniumzug, den Adventsbasar, die Silvesterfreizeit, die Weltdienstaktion und haben sogar noch Zeit für die Altkleideraktion der Kirchengemeinde. Für das Standing eines örtlichen CVJM oder einer Gemeinde sind solche Mitarbeitende von unschätzbarem Wert. Wohl dem Verein, der viele Mitarbeitende von der Sorte hat.
Oder vielleicht doch nicht? Vorsicht! Denn wehe es geht einmal etwas von den Aktionen schief. Die Sommerfreizeit wird nicht so angenommen wie gewünscht oder der Adventsbasar ist nicht so erfolgreich wie erhofft oder jemand anderes stellt eine kritische Frage zu den Planungen. Dann passiert es nicht selten, dass sich solche Mitarbeitenden schmollend zurück ziehen und die Brocken hinschmeißen.
Mal ehrlich, waren wir nicht alle schon einmal in dieser oder einer ähnlichen Situation? Finden wir uns nicht manchmal genau in dieser Rolle wieder? Bin ich nicht manchmal auch ein solcher Mitarbeiter?

Trotzdem: Hier stimmt was nicht! Denn ein Verhalten wird ja nicht dadurch richtig, weil es viele genauso machen. Bei Erfolg sind wir stark – aber kann uns das auf Dauer durch tragen?

„Seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke.“ (Epheser 6, 10) so schreibt es Paulus an die Gemeinde in Ephesus. Aber er belässt das nicht bei einem billigen Appell. Nein er gibt auch konkrete Hilfestellung, wie die Menschen stark sein können.
Er sagt: „Ergreift die Waffenrüstung Gottes.“ Damit sind nicht Pfeil und Bogen, Pistole und Maschinengewähr, Panzer und Bomben gemeint. Nein die Waffen, die uns stark machen sind ganz andere. Von den Waffen, die hier gemeint sind, kann auch ich als Kriegsdienstverweigerer sprechen. Das sind ganz andere Waffen.

Waffe: Legt die Wahrheit als Gürtel um!
Die Wahrheit kann unbequem sein. Sie kann mich gegenüber anderen in eine schwierige Situation bringen. Ja, sie kann mich auch bloß stellen. Wer hätte das noch nicht erlebt, dass das Aussprechen der Wahrheit oder das Zugeben gelogen zu haben, einen in ganz schwierige Situationen gebracht hat. Aber es ist so: Stark wirst du dadurch, dass du der Wahrheit nachjagst, auch wenn sie für dich unbequem ist. Viel zu viele Menschen haben ihr Leben auf Lügen aufgebaut und sind dann daran kaputt gegangen. Stark sein heißt: Dran bleiben an der Wahrheit.

Waffe: Haltet das Vertrauen auf Gott fest!
Du kannst ja in Laufe deines Lebens in Situationen kommen, wo du den Eindruck hast, alles zerrinnt dir zwischen den Fingern. Da hast du so für die Mathearbeit gepaukt und dann waren es doch Null Punkte. Da hast du so fest damit gerechnet, dass der Job jetzt etwas langfristiges ist und dann wird dir wegen der schlechten Wirtschaftslage gekündigt. Da hast du nie mit Krankheit in deinem Leben zu tun gehabt und plötzlich lautet die Diagnose: Krebs. Ja, da bricht alles zusammen. Paulus sagt: „Dennoch, halte fest am Vertrauen auf Gott, auch wenn du vordergründig den Eindruck hast er hat dich längst vergessen!“ Halte fest, das bringt dich vorwärts und macht dich stark. Stark sein heißt ja nicht, keine Niederlagen zu erleben, nie Leid zu erfahren, keine Angst zu haben. Nein, stark sein heißt dran bleiben am Vertrauen auf Gott. Zeugnisse von Menschen, die das in des schwersten Situationen ihres Lebens getan haben gehören für mich zum Eindrücklichsten und Bewegensten was ich kenne.

Waffe: Seid bereit für das Evangelium des Friedens einzutreten.
Die Zeiten werden rauher. Die christliche Botschaft wird nicht mehr wohlwolend zur Kenntnis genommen. Nein, sie bekommt kräftig Gegenwind zu spüren. Neulich stand auf eine Transparent, das anlässlich einer Demonstration gegen einen christlichen Seelsorge-Kongress zu sehen war, „Wir sind gekommen um eure religiösen Gefühle zu verletzen.“ Und in Berlin fuhr ein Bus mit einer großen Werbung darauf wo zu lesen war: „Es gibt (aller Wahrscheinlichkeit nach) keinen Gott.“
Für das Evangelium einzustehen, das ist heute oft mit Mühe, Anstrengung und Arbeit verbunden. Wir sind gefordert und das kann man eben nicht vom Fernsehsessel aus.

Wir werden stark, wenn wir für unseren Glauben eintreten. Täglich gibt es unzählige Chancen, wo wir von unserem Glauben erzählen können. In der Schule, am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft, in der Freundesclique. Aber auch in den CVJM-Gruppen. In der Jungschar, bei TEN SING, beim Volleyballtraining usw. Lasst es uns tun, lasst uns die Gute Nachricht zur Sprache bringen, denn dann werden wir stark, dann sind wir stark. Lasst uns den frischen Wind dieses Treffens mitnehmen in unsere Gruppen und Vereine in unsere Gemeinden.
Das Symbol des Drachens, der am Anfang meiner Ansprache schon eine Rolle spielte soll zum Schluss auch noch eine Bedeutung haben. Wir verteilen jetzt kleine Drachen mit dem Logo des Tages. Nehmt sie mit und lasst den Drachen zum Symbol für den Geist Gottes sein, der euch stark im Leben machen will.
Amen


Autor: Burkhard Hesse

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